Nachhaltigkeit ist längst nicht mehr nur ein Schlagwort – auch in der Softwareentwicklung werden ihre ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen zunehmend relevant. Wie sehr Softwareentscheidungen die Nutzungsdauer von Hardware beeinflussen, haben wir bereits in unserem vorherigen Artikel ausführlich beschrieben. In diesem Beitrag beleuchten wir einen Ansatz mit dem der Energieverbrauch der Software selbst und die damit verbundenen CO₂-Emissionen transparent werden. Der von der Green Software Foundation entwickelte Software Carbon Intensity (SCI) hilft Entwicklern und Unternehmen, die Emissionen ihrer Anwendungen zu modelieren und unterstützt sie dadurch bewusste Entscheidungen zu treffen.
Was ist die Software Carbon Intensity (SCI)?
Die SCI macht die Umweltwirkung von Software transparent und bietet mit einer einfachen Formel eine klare Methodik, um CO₂-Emissionen softwareseitig abzuschätzen. Ziel ist, eine objektive und wiederholbare Grundlage zu schaffen, um Software ökologisch nachhaltiger zu gestalten.
So funktioniert der SCI
Der SCI modeliert die CO₂-Emissionen, die sowohl im Betrieb als auch bei der Herstellung der Software entstehen. Dazu zählen der Energieverbrauch, die Hardware-Effizienz und der Energiemix. Mit seiner Hilfe erhalten Entwickler die erfoderliche Transparenz in ihre Applikationen, um gezielt die Bereiche zu identifizieren, welche effektive Optimierungsmaßnahmen zur Reduktion der CO₂-Emissionen bieten.
Die zentrale Formel des SCI lautet:
Dabei steht E für den Energieverbrauch der Software in kWh, I für die Menge an CO₂ pro kWh Energieverbrauch, und M für den Embodied Carbon. (Mehr zur Bedeutung und Erfassung dieser Hardware-Emissionen findest du in unserer Artikelserie über Embodied Carbon). Der Faktor R relativiert diese Emissionen beispielsweise pro Nutzung, Nutzer, Betriebsstunde eines Systems oder Zugriff – abhängig von den jeweiligen Gegebenheiten und der Verfügbarkeit geeigneter Daten. In Deutschland lag der durchschnittliche Wert für I 2023 bei 380g CO₂/kWh (Umweltbundesamt, 2023), weitere Werte und länderspezifische Daten sind beispielsweise bei electricityMaps oder der IEA zu finden.
Ein konkretes Praxisbeispiel für die Erfassung des Energieverbrauchs ist die Modellierung mittels CPU- und RAM-Auslastung. Alternativ kann der Energieverbrauch auch über Netzwerkauslastung, die Anzahl und Art der ausgeführten Prozesse oder durch standardisierte Benchmark-Tests abgeschätzt werden, wobei die gewählten Methoden stets transparent dokumentiert und nachvollziehbar sein müssen um die Reproduzierbarkeit und Transparenz zu gewährleisten. Dabei wird nicht zwingend ein Stromzähler benötigt – eine skriptbasierte Erfassung mittels Tools wie Apples “powermetrics” ist ausreichend, um die tatsächliche Auslastung der Hardware zuverlässig abzuschätzen.
International anerkannter ISO-Standard
Seit 2024 ist der SCI offiziell als ISO-Standard (ISO/IEC 21031:2024) anerkannt. Der Standard legt klare Kriterien und Methoden fest, um den CO₂-Fußabdruck von Software transparent zu erfassen und zu berichten. Dadurch erhält er internationale Bedeutung und Akzeptanz, was die Umsetzung in der Branche stark erleichtert und fördert. Unternehmen profitieren so von einem global anerkannten Rahmenwerk, das zuverlässige und vergleichbare Messungen der Nachhaltigkeit von Software ermöglicht.
Wer misst, gewinnt
Mit dem SCI können Unternehmen die ökologische Effizienz verschiedener Softwarelösungen vergleichen und gezielt ökologisch nachhaltigere Entscheidungen treffen. Entwickler integrieren die Methodik direkt in den Entwicklungsprozess, wodurch langfristig ressourcenschonendere Softwareprodukte entstehen (Green Software Foundation Projekte, 2024). Gute Daten sind dabei essenziell, denn nur was gemessen wird, kann auch verbessert werden. Der SCI liefert diese Daten und sorgt damit für Transparenz und eine konkrete Umsetzung der Nachhaltigkeit in der Softwareentwicklung.
Herausforderungen und Kritik
Die Einführung eines neuen Standards bringt Herausforderungen mit sich. Präzise Messungen hängen stark von hochwertigen Daten ab, deren Erhebung oft aufwendig ist. Um den SCI wirksam einzusetzen, ist es entscheidend, diesen nun auch praktisch umzusetzen und konkrete Anwendungsbeispiele zu erarbeiten. Dabei reichen bereits grobe Schätzungen aus, um erste Verbesserungen anzustoßen und gezielt diejenigen Bereiche zu identifizieren, die den größten Hebel zur Emissionsreduktion bieten.
Fazit
Der Software Carbon Intensity Standard setzt neue Maßstäbe in der nachhaltigen Softwareentwicklung. Durch klare, messbare Ergebnisse ermöglicht er Unternehmen und Entwicklern, Emissionen gezielt zu reduzieren. Jetzt liegt es an der Branche, diesen Standard aktiv einzusetzen und so echten Wandel für eine nachhaltigere IT-Zukunft voranzutreiben. Für einen tieferen Einblick in den Bereich der Emissionen durch Hardware empfehlen wir unsere Artikelserie über Embodied Carbon.