Im ersten Schritt ging es darum, das System zu verstehen. Domänen sichtbar zu machen, Abhängigkeiten zu erkennen und ein gemeinsames Verständnis zwischen Fachbereich und IT aufzubauen.
Doch genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Herausforderung.
Ein Domänenmodell allein verändert noch nichts. Es schafft Transparenz – aber noch keine Entscheidungen. Die zentrale Frage lautet daher: Wie wird aus diesem Verständnis eine konkrete, steuerbare Modernisierung?
Vom Verständnis zur Priorisierung
Ein strukturiertes Domänenmodell macht sichtbar, wie ein System fachlich aufgebaut ist. Es zeigt, welche Bereiche existieren, wie sie zusammenhängen und wo Komplexität entsteht.
Was zunächst wie eine reine Analyse wirkt, wird schnell zur Grundlage für Priorisierung. Denn mit der zunehmenden Transparenz wird deutlich, dass nicht alle Teile des Systems gleich relevant sind.
Einige Domänen sind eng mit dem Kerngeschäft verknüpft und entscheiden über die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. Andere erfüllen unterstützende Funktionen oder sind historisch gewachsen, ohne heute noch einen klaren Mehrwert zu liefern.
Ohne diese Differenzierung entstehen typische Probleme: Teams arbeiten parallel an unterschiedlichen Themen, ohne eine gemeinsame Richtung zu haben. Ressourcen werden verteilt, ohne dass klar ist, wo sie den größten Effekt erzielen. Modernisierung wird zum Sammelbegriff für viele Einzelinitiativen, aber nicht zu einer gezielten Veränderung.
Die systematische Bewertung von Domänen – etwa nach Business-Relevanz, Veränderungsdruck oder technischer Komplexität – schafft hier erstmals eine belastbare Grundlage für Entscheidungen.
Abhängigkeiten als zentraler Steuerungsfaktor
Neben der Relevanz einzelner Domänen spielen ihre Abhängigkeiten eine entscheidende Rolle. In gewachsenen Systemen sind diese oft implizit entstanden und selten vollständig dokumentiert.
Gerade diese Abhängigkeiten bestimmen jedoch maßgeblich, was überhaupt umsetzbar ist.
Im Projekt wurde deutlich, dass scheinbar isolierte Änderungen regelmäßig Auswirkungen auf andere Bereiche hatten. Funktionen, die auf den ersten Blick unabhängig wirkten, waren fachlich oder technisch eng miteinander verknüpft.
Erst durch die explizite Analyse dieser Zusammenhänge entstand ein realistisches Bild der Situation.
Abhängigkeiten sind dabei kein rein technisches Thema. Sie spiegeln oft fachliche Kopplungen wider und sind eng mit der Art verbunden, wie ein Unternehmen seine Prozesse organisiert.
Ohne dieses Verständnis bleibt jede Planung spekulativ. Mit diesem Verständnis wird sie belastbar.
Warum Reihenfolge wichtiger ist als Zielbilder
Ein häufiger Fokus in der Modernisierung liegt auf Zielarchitekturen. Es werden zukünftige Systemlandschaften entworfen, Technologien definiert und Strukturen beschrieben.
Diese Zielbilder sind wichtig, reichen jedoch allein nicht aus.
Die entscheidende Frage ist nicht nur, wie ein System aussehen soll, sondern wie man dorthin gelangt.
In komplexen Systemen ist die Reihenfolge von Veränderungen oft wichtiger als das angestrebte Endbild. Eine technisch sinnvolle Zielarchitektur kann in der Praxis nicht umgesetzt werden, wenn sie die bestehenden Abhängigkeiten ignoriert.
Im Projekt zeigte sich, dass bestimmte Domänen zunächst stabilisiert oder entkoppelt werden mussten, bevor andere sinnvoll modernisiert werden konnten.
Modernisierung wird damit zu einer Abfolge von Entscheidungen, die aufeinander aufbauen – nicht zu einem einmaligen Entwurf.
Migrationsstrategien als bewusste Entscheidungen
Auf Basis von Domänenverständnis und Abhängigkeitsanalyse lassen sich unterschiedliche Migrationsstrategien ableiten. Diese sind kein Selbstzweck, sondern eine direkte Konsequenz der jeweiligen Systemstruktur.
In einigen Fällen ist es sinnvoll, bestehende Komponenten schrittweise zu refaktorisieren. In anderen Fällen bietet sich eine klare Trennung und Neuimplementierung einzelner Domänen an. Wieder andere Bereiche können zunächst stabilisiert und bewusst unverändert weiterbetrieben werden.
Wichtig ist dabei, dass diese Entscheidungen nicht technologisch motiviert sind, sondern fachlich begründet.
Die Wahl einer Strategie ist immer auch ein Trade-off zwischen Risiko, Geschwindigkeit und Aufwand. Ohne ein klares Verständnis der Domänen lassen sich diese Trade-offs jedoch nicht fundiert bewerten.
Transformation als strukturierter Prozess
Ein hilfreiches Konzept in diesem Zusammenhang ist die Planung in klar abgegrenzten Transformationseinheiten, oft als „Waves“ bezeichnet.
Anstatt ein großes, schwer steuerbares Gesamtprojekt zu definieren, wird die Modernisierung in aufeinander aufbauende Phasen unterteilt. Jede Phase fokussiert sich auf ausgewählte Domänen, berücksichtigt deren Abhängigkeiten und liefert ein konkretes Ergebnis.
Dieses Vorgehen ermöglicht es, Fortschritt sichtbar zu machen und gleichzeitig flexibel auf neue Erkenntnisse zu reagieren.
Es reduziert das Risiko, da nicht alle Veränderungen gleichzeitig erfolgen, und schafft die Möglichkeit, aus jedem Schritt zu lernen und die nächsten Schritte anzupassen.
Von der Analyse zur Roadmap
Aus der Kombination von Domänenmodell, Bewertung und Abhängigkeitsanalyse entsteht schließlich eine Roadmap, die mehr ist als eine zeitliche Planung.
Sie beschreibt nicht nur, was umgesetzt werden soll, sondern warum diese Reihenfolge sinnvoll ist.
Damit verändert sich die Rolle der Roadmap grundlegend. Sie ist nicht mehr ein statisches Zielbild, sondern ein Instrument zur kontinuierlichen Entscheidungsfindung.
Fazit
Domain-Driven Design liefert nicht die Lösung für IT-Modernisierung. Es liefert die Grundlage, um Lösungen überhaupt sinnvoll zu entwickeln.
Erst durch ein klares Verständnis von Domänen und ihren Zusammenhängen werden Prioritäten sichtbar, Abhängigkeiten verständlich und Entscheidungen nachvollziehbar.
Modernisierung wird dadurch nicht einfacher.
Aber sie wird steuerbar.
Ausblick
Mit einer strukturierten Roadmap entsteht die Basis für die Umsetzung. Doch genau in dieser Phase stellt sich eine neue Frage:
Wie lassen sich bestehende Systeme verändern, ohne ihre Stabilität zu gefährden?
Und welche Rolle spielen dabei Ansätze wie Golden Master Testing oder das Strangler Fig Pattern?
Genau darum geht es in den nächsten Beiträgen.