IT-Modernisierung ist aktuell eines der dominierenden Themen in vielen Unternehmen. Neue Marktanforderungen, steigender Kostendruck und technologische Entwicklungen wie KI führen dazu, dass bestehende Systeme zunehmend hinterfragt werden. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis, dass genau diese Vorhaben häufig komplexer sind als erwartet und in vielen Fällen nicht die gewünschten Ergebnisse liefern.

Ein aktuelles Projekt verdeutlicht diese Ausgangssituation sehr gut. Über viele Jahre ist ein System gewachsen, das heute aus mehr als 25 Technologien und Programmiersprachen besteht. Es existieren über 200 Installationen, viele davon mit kundenspezifischen Anpassungen. Gleichzeitig hat sich das Wissen über das System fragmentiert: Einzelne Teile sind bekannt, ein gemeinsames Verständnis über das Gesamtsystem existiert jedoch nicht mehr.

Diese Situation ist kein Einzelfall. Sie ist typisch für gewachsene IT-Landschaften.

Wenn Systeme nicht mehr entwickelbar sind

Die eigentlichen Herausforderungen zeigen sich weniger auf architektonischer Ebene als im operativen Alltag. Änderungen werden zunehmend riskant, da ihre Auswirkungen auf andere Systembereiche nicht mehr zuverlässig eingeschätzt werden können. Kundenspezifische Anpassungen führen regelmäßig zu unerwarteten Seiteneffekten, da implizite Abhängigkeiten nicht sichtbar sind. Gleichzeitig wird Qualitätssicherung zu einem zentralen Engpass, weil sich das Verhalten des Systems nur noch eingeschränkt reproduzieren und absichern lässt.

Im konkreten Fall führte das dazu, dass eine einzelne Installation über ein Jahr dauerte und nur noch vor Ort beim Kunden durchgeführt werden konnte. Parallel dazu konnten neue fachliche Anforderungen, etwa die Visualisierung von Daten, nicht umgesetzt werden. Nicht, weil die technische Kompetenz fehlte, sondern weil die bestehende Systemstruktur diese Weiterentwicklung faktisch verhinderte.

Das System funktionierte weiterhin – war jedoch nicht mehr in der Lage, sich sinnvoll weiterzuentwickeln.

Typische Annahmen – und warum sie nicht tragen

In solchen Situationen entstehen häufig zwei Annahmen, die auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Zum einen wird davon ausgegangen, dass das bestehende System grundsätzlich verstanden ist. Zum anderen besteht die Hoffnung, dass neue Technologien – aktuell insbesondere KI – einen Großteil der Modernisierungsarbeit übernehmen können.

Beide Annahmen erweisen sich in der Praxis als problematisch.

Im beschriebenen Projekt zeigte sich schnell, dass kein gemeinsames Verständnis über das Gesamtsystem existierte. Wissen war vorhanden, jedoch verteilt auf einzelne Personen und Bereiche. Entscheidungen wurden lokal getroffen, ohne die Auswirkungen auf andere Teile des Systems vollständig zu berücksichtigen.

Auch die Erwartung an neue Technologien greift zu kurz. Technologien wie LLMs können bestehende Strukturen nutzen und beschleunigen, sie ersetzen jedoch kein fehlendes fachliches Verständnis. Ohne klar definierte Zusammenhänge fehlt die Grundlage für sinnvolle Automatisierung oder Generierung.

Warum klassische Modernisierung oft scheitert

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum viele Modernisierungsansätze nicht den gewünschten Effekt erzielen. Die naheliegende Reaktion besteht häufig darin, eine neue Architektur zu entwerfen oder einen vollständigen Neuaufbau anzustreben. Diese Ansätze sind technologisch sinnvoll gedacht, greifen jedoch zu kurz, wenn die fachliche Struktur des Systems nicht verstanden ist.

In der Praxis führt das dazu, dass bestehende Komplexität nicht reduziert, sondern lediglich in eine neue technologische Umgebung übertragen wird. Abhängigkeiten bleiben bestehen, fachliche Unklarheiten werden fortgeschrieben und die eigentlichen Probleme verlagern sich, anstatt gelöst zu werden.

Die Technologie ändert sich – die Komplexität bleibt.

Domain-Driven Design als strukturierender Ansatz

Der entscheidende Wendepunkt im Projekt entstand daher nicht durch eine technische Entscheidung, sondern durch eine veränderte Perspektive auf das System. Anstatt direkt über Zielarchitekturen zu sprechen, wurde zunächst die fachliche Struktur analysiert.

Im Zentrum standen dabei Fragen wie: Welche Domänen existieren? Wie hängen sie zusammen? Und welche davon sind für das Geschäft tatsächlich relevant?

Ein wesentlicher Unterschied bestand darin, dass diese Analyse nicht isoliert innerhalb der IT durchgeführt wurde. Erst durch die Einbindung der Fachbereiche entstand ein gemeinsames Verständnis der Domänen und ihrer Zusammenhänge. Dieses gemeinsame Bild bildete die Grundlage für alle weiteren Entscheidungen.

Die Rolle des externen Blicks

Ein Aspekt, der in diesem Zusammenhang häufig unterschätzt wird, ist die Bedeutung eines externen Blicks. In gewachsenen Organisationen sind viele Strukturen implizit geworden und werden nicht mehr hinterfragt. Historische Entscheidungen werden fortgeführt, auch wenn ihre ursprüngliche Begründung nicht mehr gilt.

Ein externer Blick bringt dabei nicht zwangsläufig bessere Lösungen, sondern hilft vor allem dabei, bestehende Annahmen sichtbar zu machen und systematisch zu hinterfragen. Erst dadurch wird eine echte Priorisierung möglich.

Was sich dadurch verändert

Mit einem klaren Domänenverständnis verändert sich die Perspektive auf Modernisierung grundlegend. Die zentrale Frage ist nicht mehr, wie ein System als Ganzes ersetzt werden kann, sondern welche Teile des Systems tatsächlich relevant sind, wo Investitionen sinnvoll sind und welche Bereiche bewusst unverändert bleiben können.

Modernisierung wird damit von einem technologischen Großprojekt zu einer Reihe fundierter Entscheidungen, die sich an fachlichen Zusammenhängen orientieren.

Fazit

Die größte Herausforderung in der IT-Modernisierung liegt selten in der Technologie selbst, sondern im fehlenden Verständnis der fachlichen Struktur. Domain-Driven Design bietet einen Ansatz, um diese Struktur sichtbar zu machen und als Grundlage für Entscheidungen zu nutzen.

Nicht als methodischer Selbstzweck, sondern als Mittel, um Komplexität in gewachsenen Systemen gezielt zu reduzieren und Modernisierung überhaupt erst steuerbar zu machen.

Ausblick

Auf Basis eines klaren Domänenverständnisses lassen sich im nächsten Schritt konkrete Maßnahmen ableiten – von der Priorisierung einzelner Bereiche über Migrationsstrategien bis hin zu einer umsetzbaren Roadmap.

Genau darum geht es im nächsten Beitrag.